Zahnarzt Martin Hendges: „Wenn ich meine Patienten über lange Jahre als Zahnarzt begleite, kann ich die daraus resultierende Erfahrung zum Vorteil des Patienten in die Behandlung einfließen lassen“. Foto: ZZ
Ein besonderes Vertrauensverhältnis
Anfang dieses Jahres berichteten Zeitungen, ein englischer Zahnarzt untersuche Patienten übers Internet mit Hilfe einer WebCam. Weitere Anzeichen dafür, dass das Gesundheitswesen immer unpersönlicher wird, sind Behandlungen, die im Internet versteigert werden, die wachsende Zahl großer und anonymer medizinischer Versorgungszentren sowie Praxisketten mit Billigangeboten. Ist die Zeit der Hausärzte und Hauszahnärzte bald vorbei? Darüber sprach Dr. Uwe Neddermeyer für Zeit für Zähne mit dem Zahnarzt Martin Hendges.
ZZ: Die Menschen werden immer mobiler, oft gezwungenermaßen. Zudem geht der Trend bei den Ärzten zu großen medizinischen Versorgungszentren. Ist die Zeit der Hausärzte und auch der Hauszahnärzte vorbei?
Hendges: Nein, auf keinen Fall. Natürlich ändern sich mit den Lebensgewohnheiten auch die persönlichen Bindungen zu Arzt und Zahnarzt. Das persönliche Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und dem Patienten hat aber immer noch einen sehr großen Stellenwert und übrigens nachweislich einen bedeutenden Anteil am Behandlungserfolg.
ZZ: Halten manche Patienten die individuelle Betreuung durch den (Zahn-)Arzt ihrer Wahl nicht mehr für so wichtig?
Hendges: Untersuchungen belegen, dass allenfalls gut zehn Prozenten der Patienten häufiger den Zahnarzt wechseln. Das stimmt im Übrigen mit meiner persönlichen Erfahrung und der vieler Kollegen überein.
ZZ: Welche Vorteile hat die langfristige Betreuung durch den Hauszahnarzt?
Hendges: Der Gebisszustand ist eben etwas sehr individuelles. Man kann nicht Befunde so einfach vergleichen, sondern man findet vielmehr bei jedem Patienten ein sehr differenziertes Bild von Zähnen und Zahnfleisch vor. Hinzu kommen die sehr unterschiedlichen Ansprüche, Gewohnheiten und Wünsche der Patienten, sodass der Zahnarzt immer den Patienten im Gesamten beurteilt und individuell behandelt. Das geht nur, wenn sich über Jahre auch ein Vertrauensverhältnis aufbaut, man den Patienten über lange Jahre als Zahnarzt und Berater begleitet und die daraus resultierende Erfahrung zum Vorteil des Patienten in die Behandlung einfließen lässt. Genau das geht verloren, wenn Patienten den Zahnarzt häufig wechseln oder sich gar im Internet über den Preis aussuchen.
ZZ: Können sich die Ärzte und Zahnärzte nicht mehr so viel Zeit nehmen, weil ihre Belastung durch immer mehr Bürokratie, den Zwang zur Rationalisierung usw. immer größer wird?
Hendges: Tatsächlich nimmt die Belastung durch Arbeiten, die nichts mit der unmittelbaren Betreuung bzw. Behandlung der Patienten zu tun haben, von Jahr zu Jahr zu. Damit werden immer mehr Abendstunden und Wochenenden gefüllt. Irgendwann – bald ist hier eine Grenze erreicht.
Informationsseite im Netz: www.zahnaerzte-nr.de
ZZ: Viele Patienten informieren sich vor und nach einem Arztbesuch im Internet. Was halten Sie davon?
Hendges: Hier müssen im Einzelfall Vor- und Nachteile abgewogen werden. Nur qualitätsgesicherte Seiten, die von anerkannten Institutionen angeboten und regelmäßig betreut werden, bieten Sicherheit. Leider gibt es auch Angebote, die veraltete oder gar falsche Informationen enthalten. Achten Sie daher genau darauf, wer für die jeweiligen Texte verantwortlich ist. Im Internet kann jeder das veröffentlichen, was er für richtig hält. Medizinische Informationen im Netz können auch von Laien stammen, die keinerlei (zahn-) medizinische Kenntnisse haben. Außenseiter können das Internet nutzen, um wissenschaftlich nicht gesicherte Methoden oder gar riskante Therapien an die Öffentlichkeit zu bringen. Wer sicher gehen will, der nutzt etwa die umfangreichen Informationsseiten www.zahnaerzte-nr.de der nordrheinischen Zahnärzte.
Zahnarzt Martin Hendges: „Wenn ich meine Patienten über lange Jahre als Zahnarzt begleite, kann ich die daraus resultierende erfahrung zum Vorteil des Patienten in die Behandlung einfließen lassen“
ZZ: Jetzt soll ein englischer Zahnarzt laut Zeitungsberichten Diagnosen über das Internet gemacht haben.
Hendges: Das spiegelt ein wenig die Verhältnisse der Gesundheitsversorgung in England wieder. Auch da hat die Politik zu sehr die individuelle Betreuung des Patienten aus dem Auge verloren und setzt nur auf Kostendämpfung und Preisdumping. So erklären sich dann solche Vorstöße, die medizinisch in keiner Weise zu vertreten sind.
ZZ: Dann halten Sie wohl gar nichts von Internetportalen, in denen ganze Behandlungen günstig ersteigert werden können?
Hendges: Diese schlimme Entwicklung ist nur möglich, weil manche nur den Preis, nicht aber die Qualität sehen. Zudem sind die Angebote dieser „Basarzahnärzte“ oft unseriös, weil sie die individuellen Gegebenheiten des Patienten und dessen genauen Befund gar nicht kennen. Die Gefahr ist groß, dass die sinkenden Ausgaben für das Gesundheitswesen und die Sparmentalität der Patienten sich auf die von Krankenhäusern und niedergelassenen (Zahn-)Ärzten angebotenen Leistungen auswirken könnten. Dass sich Service und Beratung im harten Preiskampf verschlechtern, kennt man von den Discountern in vielen Branchen. Gerade im Gesundheitswesen sind aber die Dienstleistung und die persönliche, individuelle Betreuung des Patienten entscheidend. Wenn Krankenhäuser, Ärzte und Zahnärzte ebenfalls zum Preiskampf gezwungen werden, müssen sie irgendwo sparen. Dann stimmt irgendwann nur noch der „Preis“, nicht aber die Qualität und das ganze Drumherum. Das kann fatale Folgen haben, weil es um die Gesundheit geht.
Quelle: Auszug aus ZZ, Mehr Wissen, Herausgeber KZV Nordrhein
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